Draußen meditieren – Tipps fürs Meditieren in der Natur

Die Natur hat die wundervolle Gabe unsere Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Sie sorgt ganz automatisch dafür, dass wir Klarheit und Einfachheit in unsere Gedanken bringen und bei dem ankommen, was gerade passiert. Wir können in der Natur mit Leichtigkeit achtsam sein, wahrnehmen, sein. Das sind einfach die Qualitäten, die das in der Natur sein in uns herbeiruft.

In der Natur können wir unseren Alltag vergessen, unseren Job, unsere Beziehungen, unsere Probleme. Draußen lässt es sich einfach leichter abschalten und einfach nur wahrnehmen, was ist – das Vogelgezwitscher, das Laub unter unseren Füßen und die frische Brise auf unserer Haut.

In diesem Artikel werden wir uns mit dem Meditieren in der Natur beschäftigen und schauen, wie es praktisch funktioniert, was die Vor- und Nachteile sind und wie es sich von formeller Meditation Zuhause unterscheidet.

Im Hier und Jetzt sein passiert »natürlich«

Anders als unser Geist sind unsere Sinne und unser Körper immer im gegenwärtigen Moment. In der Natur zu sein macht es viel einfacherer diese bereits vorhandene Präsenz wahrzunehmen und bei dem anzukommen, was gerade ist. Warum ist das so?

Zuhause ist es für unseren Körper sehr entspannt. Er muss sich um nichts Sorgen machen, hat immer die perfekte Raumtemperatur, keinen Niederschlag, keinen Wind, keine übermäßige Sonneneinstrahlung. Wenn ihm irgendetwas nicht gefällt – also irgendein Sinnesreiz –, dann kann er sich ihm einfach entziehen. Zuhause ist der Körper ist seiner Komfortzone.

Wenn wir in der Natur sind ist das anders – sie weckt unseren eingeschlafenen Sinne auf. Plötzlich wird unsere Haut empfindlicher für die Temperaturunterschiede, wir hören, sehen und riechen viel mehr. Diese ganzen äußeren Eindrücke bringen uns automatisch mehr aus unserem Kopf heraus und in unseren Körper hinein.

Beim Meditieren in der Natur nutzen wir all diese unterschiedlichen und schönen Eindrücke als Meditationsobjekte und verankern unsere Aufmerksamkeit in ihnen. Das führt dazu, dass wir den gegenwärtigen Moment als eine Einheit erfahren können – Inneres und Äußeres, Wahrnehmender und Wahrgenommenes verschmelzen miteinander.

In der Natur meditieren – wie funktioniert es am besten?

Schritt 1: Finde einen Sitzplatz

Als erstes solltest du dir einen schönen Platz suchen an dem du dich zum Meditieren niederlassen möchtest. Lasse dir dabei ruhig Zeit und lasse dich von deinem Instinkt leiten. Wo fühlst du dich wohl, wo stimmt die Atmosphäre? Diese Suche nach dem Meditationsplatz kannst du schon zum Teil deiner Meditation machen, indem du achtsam und mit offenen Sinnen durch die Welt gehst und dich intuitiv leiten lässt.

Generell kannst du überall auf die Suche nach so einem Platz gehen, ob nun in einem Stadtpark oder in abgeschiedener Wildnis. Besonders eignen tun sich jedoch natürliche Wälder und Seen, Flüsse, Hügel und Berge, Lichtungen und Orte, an denen du weit schauen kannst. Wenn du solch einem Ort nah an deinem Wohnort hast, umso besser. Dann kannst du bei Bedarf immer wieder zu diesem Platz zurückkehren und ihn ganz unterschiedlich kennenlernen: im Sommer und im Winter, am Morgen und am Abend, bei Wind, Wetter und bei absoluter Stille.

Schritt 2: Richte deinen Sitzplatz ein

Wenn du solch einen Platz nun gefunden hast – ein einfacher Platz an dem du dich wohlfühlst –, dann mache dich zuerst einmal mit der Umgebung vertraut. Schaue dich genau um, horche welche Geräusche auftauchen, was du riechst und generell wie du dich fühlst.

Im bestenfalls bist du gut vorbereitet und hast eine Decke oder ähnliches mit, vielleicht auch ein kleines Kissen, um das Sitzen zu erleichtern. Vielleicht tut es aber auch ein kleiner Baumstamm oder ein Stein, auf den du dich setzen kannst.

Überlege davor, in welche Himmelsrichtung du dich setzen möchtest. Vielleicht in Richtung Süden, entgegen der Sonne, vielleicht aber auch eher von der Sonne weg oder so, dass du weit schauen kannst. Das kommt letztlich immer auf den Platz an.

Auch solltest du schauen, in welcher Körperposition es sich an diesem Platz am besten meditieren lässt. Vielleicht in einem klassischen kreuzbeinigen Sitz oder im Kniesitz, vielleicht aber auch einfach entspannt angelehnt an einen Baumen oder sogar liegend. Beim Meditieren in der Natur können wir ruhig etwas von unserer gewöhnlichen Praxis abweichen und das ganze weniger formell und systematisch angehen.

Schritt 3: Wähle (k)eine Meditationstechnik

Weniger formell und systematisch heißt auch, dass wir nicht unbedingt die Technik verwenden müssen, mit der wir sonst immer praktizieren. Bei gewöhnlicher Achtsamkeitsmeditation richten wir unsere Aufmerksamkeit ja nach Innen, meistens auf den Atem oder unsere sensorischen Körperwahrnehmungen. Das Meditieren in der Natur funktioniert jedoch meist am besten, wenn wir in gewisser Weise das Gegenteil tun.

Anstatt unsere Aufmerksamkeit auf einen kleinen Punkt zu fokussieren so zu begrenzen, können wir beim Meditieren in der Natur mal genau in die andere Richtung gehen. Das heißt: alle Sinne öffnen und in der peripheren Aufmerksamkeit verweilen, ohne einen bestimmten Fokuspunkt festzulegen. Alles bekommt seinen Raum, egal ob es ein Geräusch ist, ein Geruch, eine Körperempfindung oder ein Bild vor deinen Augen.

Auch kannst du so schön herumexperimentieren und andere geistige Fähigkeiten trainieren, z.B. indem du deine Aufmerksamkeit im, sagen wir 3-Minuten-Takt, von einem Sinn auf den anderen verlagerst. Erst konzentrierst du dich nur auf die Geräusche und nimmst diese als Meditationsobjekt, dann gehst du über zu den Gerüchen, danach zu den Körperempfindungen und letztlich zu dem, was du siehst. Den Geschmackssinn kannst du natürlich auch miteinbeziehen.

Danach kannst du probieren, alle Sinne auf einmal zu öffnen und die Gesamtheit an Eindrücken, die in dein Bewusstsein treten, gleichzeitig und als ein homogenes Ganzes wahrzunehmen. Nimm das Feld wahr, indem diese Eindrücke auftreten und sei dir bewusst, dass egal ob es ein Geräusch oder ein Geruch ist, es dasselbe, gleichbleibende Bewusstsein ist, indem diese Dinge erscheinen.

So bietet die Natur durch ihre vielen verschiedenen Eindrücke eine gute Möglichkeit, tiefgreifende meditative Erfahrungen zu machen. Sei einfach offen und spielerisch, dann klappt es am besten!

Im Gehen draußen meditieren

Eine andere Möglichkeit, in der Natur zu meditieren, ist die Gehmeditation. Diese ist eine tolle Ergänzung zur klassischer Sitzmeditation und kann unsere Praxis deutlich vertiefen. Und das gute an ihr ist: Sie kann wunderbar unter freiem Himmel geübt werden!

Wahrscheinlich hast du schon mal von der Gehmeditation gehört oder sie sogar schon selbst ausprobiert. Eigentlich ist sie ziemlich simpel; wir richten unsere Aufmerksamkeit einfach auf den körperlichen Vorgang des Gehens. Unsere Meditationsobjekte sind also vorrangig unsere Füße, ggf. auch unsere Beine oder unser ganzer Körper. Doch am besten ist es, wenn du deine Aufmerksamkeit für den Anfang nur auf deine Füße beschränkst.

Schritt für Schritt:

  1. Suche dir eine schöne Strecke im Wald, Park oder auf einer Wiese. Wenn es das Wetter hergibt, ziehe am besten Schuhe und Socken aus, damit du den Boden unter deinen Füßen gut spüren kannst.
  2. Wenn du eine geeignete Strecke für deine Gehmeditation gefunden hast, nimm dir noch mal einen Moment Zeit, um an dem Platz, an dem du bist, und in deinem Körper anzukommen. Spüre die Stabilität des Bodens und fühle dich von ihm getragen.
  3. Richte deinen Blick nun etwa einen Meter vor dir auf den Boden, sodass du siehst, wohin du gehst. Beginne dann mit dem ersten Schritt, indem du langsam und so bewusst wie nur möglich den rechten Fuß anhebst, nach vorne gibst und wieder auf dem Boden abstellst. Sei dir während dieses Vorgangs aller Empfindungen in dem Fuß bewusst – beim Anheben, während der Fuß in der Luft ist und beim Aufsetzen. Während du den rechten Fuß aufsetzt, beginnt die Ferse des linken Fuß schon leicht vom Boden abzuheben. Sei dir dieser Dynamik bewusst. Hebe den linken Fuß dann komplett vom Boden ab, gib ihn nach vorne und setze ihn wieder ruhig und achtsam auf dem Boden auf. Nimm auch hier alles wahr: das Anheben, das Absetzen und die Empfindungen dazwischen, während der Fuß in der Luft ist.
  4. Du kannst für den Anfang mit deiner Aufmerksamkeit immer zu dem Fuß wechseln, der gerade nach vorne gesetzt wird. Wenn du damit dann gut vertraut bist, kannst du auch mal probieren, deine Aufmerksamkeit bei beiden Füßen gleichzeitig zu halten. Es gibt dann immer ein Fuß, der für einen kurzen Moment fest auf dem Boden steht, während der andere den Schritt nach vorne macht. So wechselt es hin und her – von der einen Seite zur anderen.
  5. Wenn auch das gut funktioniert und deine Aufmerksamkeit stabil bei beiden Füßen bleibt, kannst du sie auf deine ganzen Beine, bis zu den Hüftgelenken hin ausweiten. Du beobachtest dann deinen ganzen Unterkörper beim Gehen – oder besser gesagt alle Empfindungen in deinem Unterkörper. Aber Achtung: Die Empfindungen in den Füßen sollten dabei nicht vergessen werden.
  6. Wenn du auch hier stabile Aufmerksamkeit aufrecht erhalten kannst, kannst du zur Beobachtung des gesamten Körpers übergehen. Was passiert mit den Schultern beim Gehen, was mit dem Kopf? Wenn du deine Konzentration auf einzelne Körperteile richtest, probiere dennoch, das periphere Gewahrsein aufrechtzuerhalten – also so, dass du den Rest deines Körpers nicht vergisst. Dabei ist es hilfreich, auch den Atem wahrzunehmen und ihn als Mittelpunkt oder zentrale Kraftquelle im Körper zu betrachten.
  7. Wenn du die Gehmeditation beenden möchtest, hebe einfach deinen Kopf, sodass du wieder weit schauen kannst. Das reicht schon. Denn das Schöne an der Gehmeditation ist auch: Sie brauch keinen klar festgelegten Anfang oder ein Ende. Du kannst sie immer praktizieren wenn du unterwegs bist und das dabei entwickelte Körper-Bewusstsein mit in nachfolgende Aktivitäten nehmen.

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Draußen oder Zuhause meditieren: Was ist der Unterschied?

Wo wir meditieren hat einen maßgeblichen Einfluss darauf, welche Erfahrungen wir während der Meditation machen. Eine Meditation in einem stillen Raum, konzentriert auf unseren Atem, ist anders, als eine Meditation an einem Platz in der Natur, wo durch alle Sinne verschiedene Eindrücke in unser Bewusstsein treten. So unterscheiden sich diese zwei Arten zu meditieren vor allem in der Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit: Ist diese eher nach Außen oder nach Innen gerichtet?

Die Vor- und Nachteile beim Meditieren Zuhause

Zuhause sind wir in unserer Komfortzone. Idealerweise haben wir einen fest eingerichteten Meditationsplatz, an dem wir täglich meditieren und für die Dauer unserer Meditation von der Außenwelt abgeschottet sind. Das hat den großen Vorteil, dass wir uns weniger ablenken lassen und uns voll und ganz auf unser Meditationsobjekt konzentrieren können.

Für unsere Haupt-Meditationspraxis sind diese Bedingungen ideal.

Was jedoch passieren kann, wenn wir nur Zuhause und unter perfekten Umständen meditieren, ist, dass unsere Meditationspraxis wie ein separater Teil unseres Lebens ist und wir Schwierigkeiten dabei haben, die meditativen Qualitäten mit in unser restliches Leben zu übertragen. Wenn uns im Alltag dann schwierige Situationen begegnen und viele Sinneseindrücke auf uns einprasseln, die unsere Aufmerksamkeit nach Außen ziehen, kann es sein schwieriger sein, achtsam zu bleiben und bewusst zu handeln.

Beim Meditieren in der Natur lernen genau wir das

Wenn wir draußen meditieren, lernen wir genau diesen Aspekt der Meditations- und Achtsamkeitspraxis. Anstatt unsere Aufmerksamkeit nach Innen zu richten, indem wir uns von der Außenwelt abwenden, richten wir sie genau darauf – die Außenwelt. Mit “Außenwelt” meinen wir hier aber eigentlich gar nicht das; weder ein “Außen”, noch eine feste, unveränderliche “Welt”. Was wir meinen sind schlicht und einfach die Eindrücke, die wir durch die Sinne in unserem Körper wahrnehmen können.

Diese Eindrücke so direkt und unverfälscht wie möglich wahrzunehmen, ohne über sie nachzudenken oder in eine Schublade zu stecken, ist ein Ziel dieser Meditationspraxis in der Natur.

Die Einheit von Mensch und Natur

Ein anderer schöner Grund, draußen zu meditieren, ist, dass wir uns der Verbundenheit mit der Natur und dem ganzen Planeten, in dessen Ökosystem wir Teil haben, wieder bewusster werden. Unser Körper synchronisiert sich ganz automatisch mit den natürlichen Schwingungen der Erde, wenn wir auf dem Waldboden sitzen oder auf einer Wiese gehen.

Diese Harmonie zwischen unserem kleinen Körper und dem großen Körper der Erde schafft eine unglaubliche Erfahrung während der Meditation. Begrenzungen lösen sich auf und das Sein wird weiter und weiter, bis es alles einschließt. So lässt sich die Einheit erfahren – ohne Trennung, ohne Grenzen.

Setz dich einfach mal raus!

Egal ob im Winter oder im Sommer: schnapp dir einfach mal eine Decke und such dir einen schönen Sitzplatz in der Natur! Und auch wenn du es gerade nicht bis tief in den Wald schaffst; ein Balkon, der Hinterhof oder der Stadtpark können dir genauso das Gefühl vom Draußen-sein geben, das du gerade brauchst.

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